Deutschland droht beim KI-Einsatz in der Industrie den Anschluss zu verlieren

Die Studie „Industrie 4.0 Barometer 2025“ der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Unternehmensberatung MHP zeigt auf, dass Deutschland und die DACH-Region beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) und digitalen Technologien in der Industrie international ins Hintertreffen geraten. Besonders beunruhigend: Nur 19% der befragten Unternehmen setzen KI produktiv ein. Im Gegensatz dazu treiben China und die USA mit offensiven Datenstrategien, moderner IT-Infrastruktur und hochqualifizierten Fachkräften die digitale Transformation aktiv voran. Weniger als ein Fünftel der befragten Unternehmen gaben an, dass KI in der Produktion die Effizienz erhöht oder Kosten senkt: Das, so Oliver Kelkar von MHP „ist definitiv zu wenig für die Wettbewerbsfähigkeit und für die notwendige Automation vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel und preisagressivem globalem Wettbewerb“. KI bestehe nur zu zehn Prozent aus „Magie“, der Rest sei schweißtreibende Arbeit für exzellente Daten.

Der Einfluss der Künstlichen Intelligenz (KI) auf die Wettbewerbsfähigkeit wird als enorm eingeschätzt – auch wenn die Umsetzung in der Produktion durch die lange Lebensdauer der Anlagen noch Zeit benötigt. Zukünftig sollen Produktionssysteme nicht mehr starr und hardwarezentriert agieren, sondern durch den Einsatz von KI und digitalen Technologien deutlich flexibler werden. KI übernimmt dabei die Rolle des „Gehirns“ der Produktionsanlagen, indem sie Maschinen autark steuert, optimiert und dynamisch anpasst.

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die KI-Kompetenz im Management. Obwohl die deutsche Industrie hier Fortschritte verzeichnet, besteht international ein deutlicher und sogar wachsender Kompetenzunterschied. Besonders problematisch ist, dass oft langjährige Manager ohne ausreichende Kenntnisse in KI und Softwareentwicklung mit der Implementierung digitaler Projekte betraut werden – ein Ansatz, der aufgrund der unterschiedlichen Herangehensweisen an hardwarebezogene versus digitale Projekte problematisch ist: „Die deutsche Industrie hat bei ihren KI-Kompetenzen zwar Fortschritte gemacht, aber die Lücke fällt im internationalen Vergleich deutlich aus und wird eher größer“, erläutert Johann Kranz, Professor für Digital Services und Nachhaltigkeit an der LMU München.

Herausforderungen in der DACH-Region:

  • Veraltete IT-Infrastrukturen und hartnäckige Datensilos behindern die Integration von Industrie-4.0-Technologien.
  • Fehlende Datenstrategie und ein defensiver Umgang mit Daten (Fokus auf Compliance statt Innovation).
  • Geringe KI-Kompetenz im Management – oft sind hardwarenah geprägte Führungskräfte für digitale Themen zuständig.
  • Fachkräftemangel und fehlende Weiterbildungsangebote im Bereich Datenkompetenz.
  • Zu geringe Einbindung von CIOs in die Geschäftsleitung (nur bei 49 % der Unternehmen, im Vergleich zu 92 % in China).

Stärken der internationalen Wettbewerber:

  • China setzt auf dezentrale Datenarchitekturen, flexible Steuerung durch KI und flächendeckende Sensorik.
  • In den USA und China wird KI zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und zusätzlicher Einnahmequellen genutzt.
  • Digitale ZwillingeMachine-to-Machine-Kommunikation und Traceability sind dort Standardtechnologien.

Handlungsempfehlungen für Manager und Eigentümer mittelständischer und großer Unternehmen

1. Digitale Führungsstrukturen neu denken
  • CIO als strategischer Impulsgeber: Einbindung eines technologieaffinen CIO in die Geschäftsleitung. Studien belegen einen Produktivitätsvorteil von bis zu 31 % durch diese Maßnahme (MHP/LMU, 2025).
  • Führungspersonal gezielt weiterbilden in datengetriebenem Denken, digitaler Innovationssteuerung und KI-Kompetenz.
2. Datenstrategie als Kernelement der Unternehmensstrategie verankern
  • Von defensiver zu offensiver Datenstrategie wechseln: Daten nicht nur zur Optimierung, sondern gezielt zur Entwicklung neuer Produkte, Services und Geschäftsmodelle nutzen (MIT Sloan Management Review, 2022).
  • Daten als Asset betrachten – Aufbau von Datenprodukten, Monetarisierungsstrategien und Governance-Strukturen.
3. IT-Architektur modernisieren und skalierbar gestalten
  • Legacy-Systeme systematisch ablösen, offene und interoperable Systemlandschaften aufbauen.
  • Datensilos abbauen durch Cloud-Lösungen, APIs und zentrale Datenplattformen.
4. Technologieeinsatz entlang der gesamten Wertschöpfungskette
  • Einsatz von Sensorikdigitalen ZwillingenMachine Learning und automatisierter Steuerung priorisieren.
  • Prozesse mit KI verbessern – von Predictive Maintenance bis zur autonomen Produktionssteuerung.
5. Unternehmenskultur und Weiterbildung
  • Digitales Mindset fördern: Kulturwandel durch Schulungen, cross-funktionale Teams und Innovationsprogramme.
  • Kontinuierliche Weiterbildung in den Bereichen Datenanalyse, Automatisierung, KI und Softwareentwicklung.
6. Innovationspartnerschaften und Ökosysteme nutzen
  • Kooperationen mit Startups, Forschungsinstituten und Technologiepartnern ausbauen.
  • Nutzung staatlicher Förderprogramme (z. B. Innovationsprämie DigitalisierungGAIA-X-Projekte).
7. Messen, Benchmarken, Skalieren
  • KPIs zur digitalen Reife, Nutzung von KI und Automatisierungsgrad definieren.
  • Pilotprojekte zur Skalierung befähigen – Fokus auf skalierbare Proof-of-Concepts mit klar messbarem ROI.

Quellenangaben / Primärquelle:

Weitere Quellen zur Untermauerung der Empfehlungen:

Digitalisierung in Deutschland: Zwischen Effizienz und Bürokratie

Erkenntnisse der DIHK-Digitalisierungsumfrage 2025

Die Digitalisierung in deutschen Unternehmen ist trotz zahlreicher Herausforderungen – von langwierigen Prozessen bis zu unzureichender öffentlicher Infrastruktur – ungebrochen im Fokus. Die DIHK-Digitalisierungsumfrage 2025 zeigt, dass Unternehmen zwar weiterhin digitale Projekte vorantreiben, aber in einigen Bereichen wie Breitbandausbau und öffentlicher Verwaltung erhebliche Hemmnisse bestehen. Im Folgenden fassen wir die zentralen Ergebnisse zusammen, analysieren Fortschritte und Defizite und geben konkrete Handlungsempfehlungen für Manager und Eigentümer mittelgroßer sowie größerer Unternehmen.


1. Status Quo der Digitalisierung in deutschen Unternehmen

Aktueller Digitalisierungsstand:
Die Befragung zeigt, dass Unternehmen ihren eigenen Digitalisierungsgrad im Durchschnitt mit einer Note von ca. 2,8 bewerten – vergleichbar mit dem Vorjahr. Im Börsenjargon würde man von einer „Seitwärtsbewegung“ sprechen, Klartext heißt das jedoch: Hier hat sich in einem Jahr nichts Messbares verbessert!
Branchenübergreifend dominieren Effizienzsteigerung, Qualitätsverbesserung und Kostensenkungen als Hauptmotive. In vielen Betrieben wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) zunehmend als strategischer Erfolgsfaktor erkannt.

Grafik 1: Bewertung des Digitalisierungsstandes in Schulnoten
Quelle: DIHK-Digitalisierungsumfrage 2025 ​


2. Fortschritte in der Digitalisierung

Positive Entwicklungen:

  • Steigende KI-Nutzung:
    Die Nutzung von KI-Technologien in Unternehmen hat in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg verzeichnet – von 12% im Jahr 2020 auf prognostizierte 38% im Jahr 2024. Dies unterstreicht den Trend, dass KI zunehmend als integraler Bestandteil digitaler Transformationsprozesse verstanden wird, insgesamt sind die Zahlen aber auch hier enttäuschend niedrig.

Grafik 2: Entwicklung der KI-Anwendungen im Unternehmen
Quelle: DIHK-Digitalisierungsumfrage 2025 ​

  • Hauptmotive für Digitalisierung:
    Unternehmen setzen verstärkt auf Digitalisierung, um Kosten zu senken, flexibel zu arbeiten und die Produkt- sowie Servicequalität zu verbessern. In den Befragungen wurden Qualitätsverbesserung (63 %), Kostenreduktion (65 %) und Flexibilisierung des Arbeitens (65 %) als zentrale Treiber benannt.

3. Herausforderungen und stagnierende Entwicklungen

Als zentrale Herausforderungen gelten lt. der Befragung:

  • Zeit und Komplexität:
    Mit 60 % bzw. 54 % der Befragten wird die Komplexität und der Zeitaufwand als größte Hürde für Digitalisierungsprojekte genannt.
  • Rechtliche Unsicherheiten:
    Rund 31 % der Unternehmen geben an, dass rechtliche Fragestellungen und Unsicherheiten die digitale Transformation bremsen.
  • Fachkräftemangel und IT-Kompetenzen:
    Fehlende IT-Fachkräfte (32 %) und ein unzureichender interner Know-how-Aufbau erschweren den reibungslosen Rollout neuer digitaler Technologien.
  • Breitbandausbau und öffentliche Verwaltung:
    Der aktuelle Stand der Internetinfrastruktur entspricht in nur etwa 73–75 % der Unternehmensbedarfe. Zudem wird die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung mit einer durchschnittlichen Bewertung von 4,29 als deutlich schlechter eingeschätzt als der Digitalisierungsgrad der eigenen Unternehmen (2,85).
  • Cybersicherheit:
    Obwohl das Sicherheitsbewusstsein zunimmt und bereits zahlreiche Maßnahmen umgesetzt werden, zeigt die Umfrage, dass gerade größere Unternehmen vermehrt von Cyberangriffen betroffen sind. Bemerkenswerte 50% aller großen Unternehmen wurden im Betrachtungszeitraum von von mindestens einem erheblichen Cybersicherheitsvorfall betroffen.

Grafik 3: Herausforderungen bei Digitalisierungsprojekten
Quelle: DIHK-Digitalisierungsumfrage 2025 ​


4. Handlungsempfehlungen für Manager und Eigentümer

Basierend auf den Umfrageergebnissen und ergänzenden Branchenanalysen lassen sich folgende konkrete Maßnahmen ableiten um erforderliche Kompetenzen zu steigern und die Digitalisierung strategisch weiterzuentwickeln:

a) Ausbau interner Kompetenzen und Weiterbildung
  • Gezielte Schulungen und Workshops:
    Investieren Sie in regelmäßige Weiterbildungsprogramme – insbesondere im Bereich Digitalisierung und KI. Dies kann in Form von internen Schulungen oder Kooperationen mit externen Bildungsanbietern erfolgen.
  • Talentförderung:
    Setzen Sie auf die Rekrutierung und Förderung von IT-Fachkräften sowie auf die gezielte Weiterbildung vorhandener Mitarbeiter, um interne Know-how-Lücken zu schließen.
b) Optimierung der IT-Infrastruktur
  • Investitionen in Netzwerktechnologien:
    Angesichts der Herausforderungen beim Breitbandausbau sollten Unternehmen in leistungsfähige IT-Infrastrukturen investieren, um Engpässe zu vermeiden und den digitalen Betrieb sicherzustellen.
  • Cybersecurity:
    Erhöhen Sie die Sicherheitsstandards, indem Sie regelmäßige Risikoanalysen, Penetrationstests und Mitarbeiterschulungen implementieren. Eine externe Überprüfung der IT-Sicherheit kann zusätzliche Sicherheit bieten.
c) Kooperationen und strategische Partnerschaften
  • Zusammenarbeit mit Technologiepartnern:
    Durch strategische Allianzen mit spezialisierten Dienstleistern und Technologiefirmen können Unternehmen von externem Fachwissen profitieren und ihre digitale Transformation beschleunigen.
  • Öffentlich-private Partnerschaften:
    Engere Kooperationen mit Behörden und öffentlichen Einrichtungen können helfen, bürokratische Hürden zu überwinden und gemeinsam den Ausbau der digitalen Infrastruktur voranzutreiben.
d) Förderung einer digitalen Unternehmenskultur
  • Agile Arbeitsmethoden:
    Etablieren Sie agile Prozesse und flexible Arbeitsmodelle, die den digitalen Wandel unterstützen und Innovationen fördern.
  • Kulturwandel initiieren:
    Fördern Sie eine unternehmensweite Kultur, in der digitale Innovation als Chance begriffen wird. Dies kann durch Change-Management-Programme und gezielte Kommunikation von Erfolgen geschehen.

5. Ausblick

Die Ergebnisse der DIHK-Umfrage 2025 machen deutlich: Die digitale Transformation in Deutschland befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen mäßigen Fortschritten – wie der zunehmenden Nutzung von KI – und hartnäckigen Hemmnissen, die vor auch durch rechtliche, infrastrukturelle und personelle Engpässe bedingt sind.

Manager und Eigentümer von KMU und großer Unternehmen müssen deshalb den digitalen Wandel als fortlaufenden Prozess verstehen, der kontinuierliche Investitionen in Technologie, Personal und Kooperationen erfordert.

Aufbau einer Cybersecurity-Plattform für Unternehmen der kritischen Infrastruktur

Projektziel:
Das Ziel des Projekts war es, eine Plattform für Cybersecurity-Informationen und -Beratung für Unternehmen der kritischen Infrastruktur aufzubauen (Info unter: https://cybersecurity.pmps.de/). Die Plattform bietet umfassende Informationen zur NIS2-Richtlinie (Network and Information Systems Directive) sowie relevante Sicherheitskontrollen, die Unternehmen bei der Einhaltung gesetzlicher Anforderungen unterstützen. Ein besonderer Mehrwert wird durch ein kompaktes Beratungsangebot geschaffen, das die Unternehmen bei der Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen unterstützt. Dieses Projekt wird durch unseren Partner Hans-Jörg Vohl durchgeführt.

Projektumfang:

  • Bereitstellung von Informationen zur NIS2-Richtlinie:
    Die Plattform informiert Unternehmen aus verschiedenen Sektoren der kritischen Infrastruktur detailliert über die Anforderungen und Bestimmungen der NIS2-Richtlinie, die für ihre Sicherheits- und Risikomanagementpraktiken von Bedeutung sind.
  • Informationen zu relevanten Sicherheitskontrollen (Controls):
    Auf der Plattform werden relevante Sicherheitskontrollen vorgestellt, die Unternehmen helfen, die Compliance-Anforderungen der NIS2-Richtlinie zu erfüllen. Diese Kontrollen decken Aspekte wie Netzwerksicherheit, Risikomanagement und Vorfallsmanagement ab.
  • Kompaktes Beratungsangebot:
    Die Plattform bietet ein maßgeschneidertes Beratungsangebot, das Unternehmen hilft, ihre Sicherheitsstandards zu optimieren und eine effiziente Umsetzung der erforderlichen Kontrollen zu gewährleisten. Dies umfasst die Bereitstellung von Tools, Checklisten und Expertenberatung.
  • Zielgruppenorientierung:
    Die Plattform richtet sich an Unternehmen in der kritischen Infrastruktur, einschließlich, aber nicht beschränkt auf, Energieversorger, Gesundheitswesen, Finanzinstitute und Telekommunikationsanbieter, die besondere Anforderungen an die Cybersicherheit haben.

Mehrwert:

  • Erhöhung der Compliance:
    Die Plattform hilft Unternehmen, die Anforderungen der NIS2-Richtlinie effizient zu erfüllen, indem sie auch für kleine und mittlere Unternehmen praxisorientierte Informationen und Tools bereitstellt.
  • Stärkung der Cybersicherheit:
    Unternehmen erhalten durch die bereitgestellten Sicherheitskontrollen und Beratungsdienstleitungen konkrete Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Sicherheitslage und Risikominimierung.
  • Zugang zu Fachberatung:
    Das Beratungsangebot ermöglicht Unternehmen, die Unterstützung von Experten in Anspruch zu nehmen, um ihre Cybersicherheitsstrategien zu aktualisieren und umsetzbare Lösungen zu entwickeln. Die Begleitung durch Berater ist dabei optional.

Kooperation muss sein – besonders im Mittelstand


Digitalisierung bedeutet eine enorme Zunahme an erfolgsrelevantem Wissen und fast zwangsläufig auch eine Zunahme individueller Wissenslücken. Eine an sich banale Erkenntnis, der jedoch meist weder durch eine Anpassung individueller noch organisatorischer Verhaltensmuster ausreichend Rechnung getragen wird. Zusätzlich sind auch Änderungen elementarer Schlüsseltugenden – wie etwa des Führungsverhaltens – notwendig um mit den geänderten Rahmenbedingungen nutzbringend umgehen zu können.
Kurz: Veränderungen und Wissensaufbau erfordern neue Routinen, deren Aufbau und Einübung teuer und langwierig sind. Verständlich, dass insbesondere mittelständische Unternehmen dabei oftmals strategische Nachteile haben. Während nämlich große Unternehmen viel erforderliches Know-how im eigenen Unternehmen aufbauen können oder extern beschaffen, müssen kleinere Unternehmen mit engeren Budgets durch gezielte Kooperationen mit komplementären Partnern die eigenen Lücken schließen und Wissen teilen.

Initiative Maschinenraum

Wie das etwa für die Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle funktionieren kann, zeigt die Initiative Maschinenraum, die auf Initiative von Maximilian Viessmann größere Mittelständler mit gemeinsamen Zielen zusammenbringt:

  • Erleben & Vernetzen
  • Teilen & Lernen sowie
  • Umsetzen & Kollaborieren

Das Handelsblatt hat sich den Maschinenraum angeschaut und resümiert: „Soll man ein Start-up kaufen, mit einem kooperieren oder ein eigenes hochziehen? Oder ist vielleicht eine Kooperation mit anderen Mittelständlern die beste Lösung? All diese Fragen lassen sich aber in jedem Fall besser beantworten, wenn man sich vorher mit anderen Mittelständlern ausgetauscht hat. Der ‚Maschinenraum‘ will auch dabei helfen, die Ergebnisse der jeweiligen Überlegungen systematisch aufzuarbeiten.

Digitale Geschäftsmodelle

Der langfristige Nutzen von reinen Effizienzsteigerungen im meist niedrigen, einstelligen Bereich ist angesichts großer Veränderungen wenig hilfreich. Neue und digitale Geschäftsmodelle gelten heute als die Königsdisziplin, versprechen sie neue Umsätze mit hohen Margen durch Innovation und neue Kunden.
In einer groß angelegten Studie von Familienunternehmen der WHU Otto Beisheim School of Management unter der Leitung von Prof. Dr. Nadine Kammerlander und mit Unterstützung der Beratungsgesellschaft ANDERSCH wurde untersucht, wie der aktuelle Status der Digitalen Transformation heute in diesem Unternehmenssegment zu bewerten ist. Für die Studie wurden 1.727 Top-Entscheider aus 1.444 Unternehmen befragt, davon 689 Unternehmen in mehrheitlichem Familienbesitz und 755 im Nicht-Familienbesitz. Demnach erkennen 87 Prozent der befragten Unternehmen Neues, aber nur 43 Prozent sagen, dass sie auch in der Lage sind, dies adäquat zu nutzen.

Studie zur Innovationsfähigkeit deutscher Familienunternehmen

Die Leiterin der Studie resümiert: „Die Schlussfolgerungen, die diese Daten ermöglichen, sind besonders für diese (Corona) Krise ernüchternd. Schon zuvor war eine Fokussierung auf die Verbesserung von Effizienz kritisch zu hinterfragen. (…) Um aus dieser Krise zu kommen, bedarf es für viele nicht nur schmerzhafter Einschnitte im Jetzt – sondern vor allem viel Mut und Selbstvertrauen in der Zukunft. Dazu reicht es nicht aus, Neuerungen zu erkennen. Sondern Unternehmen müssen jetzt die strukturellen und prozessualen Möglichkeiten schaffen, diese Innovationen dann auch konsequent in Richtung Markt umzusetzen.“

Ein wichtiger Schritt in die Zukunftsfähigkeit und eine klare Empfehlung der Forscherin ist die Kooperation mit anderen Unternehmen, vor allem mit Start-ups, deren Lebenszweck es sei, bahnbrechende Innovationen zu erzeugen. Kammerlander ist daher der Ansicht: „Wer nicht kooperiert, stirbt.“ Dies sei eine Überlebensfrage. Schließlich sei auch die Corona-Krise eine bahnbrechende Veränderung: „Es ist ein tieferer Einschnitt mit unklarem Verlauf“.

Daher werde es, so Kammerlander, in den kommenden Jahren sehr viel mehr „Varianz“ bei den Familienunternehmen geben. Also mehr solche, denen es gut gehen und mehr solche, denen es schlecht gehen werde. Dabei hält Nadine Kammerlander auch das Konzept, ausschließlich als Hidden Champion im verborgenen B2B-Geschäft zu glänzen für langfristig „gefährlich“. Wer innovative Mitarbeiter und Kooperationspartner anziehen wolle, müsse visibler werden, ist sie überzeugt. Sie habe durchaus in ihren Studien gesehen, wie innovativ Familienunternehmen bislang waren. Aber auch, dass die manchmal jahrhundertelange Geschichte von Familienunternehmen trotzdem „kein Indiz fürs Überleben“ sei. Den Weckruf durch die Corona-Krise sei nicht zu überhören. Und dabei helfe sicherlich etwas, wofür Familienunternehmen durchaus bekannt sind: Erfahrung und schnelle Entscheidungswege.

Barrieren und Enabler des digitalen Transformationsprozesses
Quelle: Soluk J, Kammerlander N & Zöller M (2020): Digitale Transformation im Mittelstand und in Familienunternehmen. Vallendar: WHU, Institut für Familienunternehmen und Andersch AG

Die Studie nennt folgende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung

  • Unternehmen benötigen Fähigkeiten zur Einschätzung von Risiko und Veränderungsbereitschaft sowie Kapazitäten zur Implementierung neuer digitaler Initiativen.
  • Trotz ausreichend vorhandener unternehmerischer Fähigkeiten können sich interne Barrieren ergeben, bspw. durch ein starres Festhalten an bestehenden Strukturen. Der gezielte Einsatz von „Enablern“, wie einer klaren Digitalisierungsstrategie, hilft Barrieren zu überwinden und trägt zu einer erfolgreichen Transformation bei.
  • Stetige Weiterentwicklungen stehen im Zentrum der erfolgreichen Transformation. Daher sind Lernprozesse im Unternehmen unabdinglich.
  • Die Förderung von Innovationen muss sich übergreifend auf Prozesse, Produkte, Dienstleistungen und das Geschäftsmodell richten, um so eine erfolgreiche Positionierung für die Zukunft zu schaffen.
  • Zur stetigen Weiterentwicklung zählt auch die zunehmende Einbindung von Zukunftstechnologien, wie Lösungen, die auf künstlicher Intelligenz beruhen oder Applikationen basierend auf virtuellen Realitäten. Diese werden sich verstärkt auf verschiedene Geschäftsbereiche auswirken.

Die Studie der WHU kann hier kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

Digitalisierung in Büro: Drei Viertel haben eine Strategie

Der Digital Office Index wird seit 2016 alle zwei Jahre erhoben und publiziert die Ergebnisse repräsentativer Umfragen des Branchenverbandes Bitkom zur Digitalisierung im Büro. Für die Erhebung wurden in der erste Jahreshälfte 2020 Geschäftsführer, Vorstandsmitglieder und IT-Leiter von 1.104 Unternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten in Deutschland sowie die Leiter von 51 Organisationen der Öffentlichen Verwaltung im Mai und Juni 2020 telefonisch befragt. Die Umfrage ist laut Bitkom damit repräsentativ für die Gesamtwirtschaft.

Informationen zu digitalen Produkten, Dienstleistungen oder Geschäftsmodellen sucht man hier vergeblich, der Fokus gilt administrativen Prozessen im Büroalltag, die für viele Unternehmen jedoch der Einstieg in die Digitalisierung sind.

Bild: Berechnung anhand von 58 ausgewählten Indikatoren aus drei Bereichen

Hier geht es direkt zur Studie, die als PDF kostenlos heruntergeladen werden kann.

Folgende Feststellungen lassen sich aus den Ergebnissen der Befragung ableiten

  • Im Coronajahr wurde mehr Hard- und Software angeschafft. Die Digitalisierung schreite fort, aber nicht gleichmäßig.
  • Die Digitalisierung von Unternehmen wurde durch die Coronavirus-Pandemie in einigen Bereichen beschleunigt. Die öffentlichen Verwaltungen konnten allerdings nur wenig mobil arbeiten und zeigten nur dort deutliche Digitalisierungsschübe, wo Fristen sie dazu trieben.
Bild: Digitalisierungsperspektive
  • Kleine Unternehmen hinken bei ihren Digitalisierungsvorhaben größeren Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern ebenfalls hinterher. Laut der Erhebung des Bitkom könnten hierfür unter anderem die Digitalisierungsstrategien der Unternehmen verantwortlich sein, die besonders bei großen Unternehmen vorhanden sind. Dort verfolgen 96 Prozent der Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern eine Strategie, bei Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitenden könnten nur 71 Prozent eine vorweisen.
  • Gegenüber dem Vorjahr investierte im Jahr 2020 jedes dritte Unternehmen mehr in die Digitalisierung von Büro- und Verwaltungsprozessen. Genauer zum Einfluss der Coronavirus-Pandemie im Investitionsbereich gefragt, erklärten mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Unternehmen, dass mehr Hardware angeschafft wurde, 39 Prozent, dass mehr Geld in die Softwarebeschaffung wie etwa Lizenzen floss.
  • Dass Mitarbeitern für dezentrales Arbeiten – wie beispielsweise auch für das Arbeiten im Homeoffice aufgrund von Coronavirus-Einschränkungen – überhaupt Hardware zur Verfügung steht, ist je nach Unternehmen sehr unterschiedlich. Banken- und Finanzdienstleister gaben an, dass 93 Prozent der festangestellten Mitarbeitenden mobile Endgeräte mit Internetzugang zur Verfügung stehen. In den öffentlichen Verwaltungen lag der Wert bei nur 40 Prozent. Im Land Berlin lag der Wert, so der Leiter der Studie, sogar nur bei 15 Prozent.
  • In Sachen interne und externe Kommunikation setzt die Hälfte der deutschen Unternehmen weiterhin auf Fax-Geräte. Der Wert sei zwar auch hier von 62 Prozent im Jahr 2018 auf 49 Prozent in 2020 gesunken. In der Mottenkiste liegt das Fax-Gerät damit aber noch lange nicht. E-Mail und Festnetz sind indessen mittlerweile Standard für alle. Sie werden von allen befragten Unternehmen „häufig“ oder „sehr häufig“ benutzt.
  • Deutlich zugelegt hat die Nutzung von Smartphones im Unternehmensbereich – von 51 Prozent auf 81 Prozent – und auch die Nutzung von Videokonferenzen hat gegenüber 2018, mit 48 Prozent, auf 61 Prozent in 2020 zugenommen. Die Nutzung von Messengerdiensten hat ebenfalls einen Sprung gemacht (von 37 auf 50 Prozent) und Kollaborationstools wie Slack oder Microsoft Teams wurden zumindest in diesem Jahr von 36 Prozent der Unternehmen genutzt.
  • 86 Prozent der Unternehmen stimmten der Aussage zu „Unser Unternehmen hat das Ziel, Briefpost durch digitale Kommunikation zu ersetzen„. Zu 63 Prozent gelinge dies auch. 49 Prozent der Befragten bejahten, dass ihr Unternehmen weniger Dokumente ausdruckt als noch vor einem Jahr. Linda Oldenburg, Vorsitzende des Arbeitskreises Digitale Geschäftsprozesse, wies darauf hin, dass die öffentliche Verwaltung durch den Einsatz von E-Rechnungen dazu beitragen kann, Papierberge in den Büros zu minimieren. Sie nutzt schon zu 82 Prozent E-Rechnungen. Dies liege aber auch daran, dass es hier klare Vorgaben und Fristen gäbe, so Oldenburg. Insgesamt nutzen nur 30 Prozent aller Unternehmen bisher E-Rechnungen.
  • Der Bitkom bewertet in seinem Digital Office Index 2020 auch die Digitalisierung von Büro- und Verwaltungsprozessen in deutschen Unternehmen auf einer Skala von 0 (überhaupt nicht digitalisiert) bis 100 (vollständig digitalisiert). Im Durchschnitt läge dieser nun bei 55 Punkten. Der Wert für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern liegt schon bei 67 Punkten, für Unternehmen mit weniger als 100 Mitarbeitenden bei 53 Punkten – hier zeige sich eine deutliche Schere.
Bild: Digital Office Index und Subindizes nach Unternehmensgrößenklassen
  • Laut Bitkom lassen sich auch verschiedene Digitalisierungstypen unter den Unternehmen erkennen. So seien 19 Prozent der Unternehmen Vorreiter, 44 Prozent verbuchen einen überdurchschnittlichen Digitalisierungsfortschritt, 26 Prozent einen unterdurchschnittlichen und elf Prozent gelten als Nachzügler.
Bild: Drei Viertel der Unternehmen haben eine Digitalisierungsstrategie